Zirfeld

Zirfeld?

Als die Welt im Spiegel – WimS – in den 1960ern aus der Masse der gewöhnlichen journalistischen Erzeugnisse heraus zu stechen begann, beschloss man, die Macher des Blattes vorzustellen und in einer eigenen Rubrik über Interna aus dem Redaktionsalltag zu berichten. Chefredakteur Zirfeld wurde damit ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt und sollte fortan allen Redakteuren im Land als abschreckendes Beispiel dienen.

Man weiß von ihm, dass er das Kalauern während der Arbeitszeit verbot, Jungredakteure mit Aschenbechern bewarf und immer darauf bedacht war, die Halseisen seiner Mitarbeiter passend zur Ausgehuniform auszuwählen. Oft beendete er Diskussionen mit einem entschlossenen „Schnüß“. Auf die Forderung des Redaktionsboten Dr. Golz nach Gedankenfreiheit entgegnete er: „So, so, Gedankenfreiheit will er, der Hundsfott?“.

Er konnte aber auch ein fürsorglicher Chef sein. Als einmal das Betriebsfest ausfallen mußte, spendierte er allen einen Groschen, damit dieser in Lakritz angelegt werde könne. Einmal gab er dem bekümmerten Leihbischof Klamm einen Drops ab.

Die Welt im Spiegel erschien zwischen 1964 und 1976 als Beilage des Satiremagazins ‚Pardon‘. Von F. K. Wächter, F. W. Bernstein und Robert Gernhardt gegründet, entwickelte sich die WimS unter dem Motto „pro bono – contra malum“ zum Leitmedium des Nonsens. Texte, Zeichungen, Lyrik widmeten sich den Themen, zu denen keine andere Zeitung Stellung nehmen wollte.

Die „WimS“galt als Leitmedium, sogar der Papst nebst Gemahlin hatte einmal seinen Besuch angekündigt. Dies stellte sich allerdings als Scherz heraus, die eilig vollzogenen Nottaufen waren umsonst.

In der Kolumne „WimS“-Intim lernten wir dann die Redaktionsmannschaft kennen. Redaktionsbote Dr. Golz, Leihbischof Klamm, Zeilenzähler Horst Borgel. Und natürlich Zirfeld. Von offizieller Seite und in Stellungnahmen der damals beteiligten Akteure wurde nie bestritten, dass er als Karikatur des Herausgeber der ‚Pardon‘ gezeichnet war. Die immer schwierigere Zusammenarbeit mit jenem führte schließlich am Ende zur Gründung der ‚Titanic‘.

Ich leihe mir den Namen aus, da ich mit der Lektüre der WimS und den Werken der Neuen Frankfurter Schule immer sehr viel Vergnügen hatte. Da ich nicht gedenke, dieses zu gewerblichen Zwecken zu tun, gehe ich davon aus, dass niemand etwas dagegen hat. Abgesehen davon, wird es sowieso niemand merken. Um F. K. Wächter zu zitieren, einen der WimS-Macher: „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“.

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